Adalat AI setzt Spracherkennungssoftware und weitere Verwaltungswerkzeuge ein, um Papierstaus an Indiens Gerichten abzubauen. Die Technologie ist laut Semafor inzwischen in mehr als 6.000 Gerichtssälen in 11 Bundesstaaten im Einsatz. Sie wird etwa dazu genutzt, Zeugenaussagen festzuhalten: Statt jede Antwort selbst aufzuschreiben, diktiert ein Richter, was ins Protokoll aufgenommen werden soll. Beide Seiten prüfen den Text auf dem Bildschirm, bevor die Verhandlung weitergeht.
Das geprüfte Transkript wird anschließend als offizielles Protokoll der Aussage eingereicht. Adalat-AI-Mitgründer und CEO Utkarsh Saxena zufolge sollen die Werkzeuge Verwaltungsarbeit erledigen, aber keine juristischen Entscheidungen treffen. Die gemeinnützige Organisation entwickelt außerdem Software zur Verwaltung von Verfahren und Gerichtsakten.
Richter sollen Zeit zurückgewinnen
Die Papierarbeit kann enorm sein. Der Richter Suresh Babu aus Kerala beschrieb den Alltag im Jahresbericht von Adalat AI als „schreiben, schreiben, schreiben, den ganzen Tag“. Die Organisation bezeichnet sich als „Klempner des Gerichtssystems“ – damit meint sie ihren Fokus auf die Behebung langsamer Verwaltungsabläufe, nicht auf eine Veränderung der richterlichen Entscheidungsfindung.
Es geht um mehr als Bequemlichkeit. 2024 saßen in indischen Gefängnissen fast drei von vier Menschen ohne Verurteilung in Haft und warteten auf die Bearbeitung ihres Falls. Diese Zahl verdeutlicht die menschlichen Folgen von Verzögerungen. Die verfügbaren Informationen belegen jedoch nicht, dass Adalat AIs Werkzeuge die Untersuchungshaft verkürzt oder Verfahren beschleunigt haben.
Führen schnellere Protokolle auch zu schnelleren Verfahren?
Adalat AI zufolge haben interne Studien an Gerichten, die die Werkzeuge einsetzen, deutliche Zuwächse bei der Zahl vernommener Zeugen und erlassener Beschlüsse ergeben. Dabei handelt es sich um eigene Ergebnisse der Organisation. Eine randomisierte Evaluation mit dem Forschungszentrum J-PAL läuft noch; Ergebnisse liegen bislang nicht vor. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob reibungslosere Verwaltungsabläufe dazu führen, dass Verfahren früher abgeschlossen werden.
In einigen indischen Gerichtsbarkeiten ist der Einsatz der Adalat-AI-Technologie zur Aufzeichnung von Zeugenaussagen inzwischen vorgeschrieben. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die Gerichte in Singapur, die im Dezember 2023 KI-gestützte Transkriptionswerkzeuge eingeführt haben. Keines der beiden Beispiele belegt für sich genommen, in welchem Maß solche Systeme Gerichtsverfahren verkürzen.
Warum es wichtig ist
Geprüfte Spracherkennungsprotokolle könnten Richtern und Verfahrensbeteiligten Zeit sparen, die sonst für das handschriftliche Festhalten von Aussagen anfällt. Adalat AI berichtet von mehr vernommenen Zeugen und erlassenen Beschlüssen. Ob dadurch Verfahren kürzer werden oder Menschen weniger lange in Untersuchungshaft warten müssen, ist jedoch noch offen.